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Das Stück mit
der Zweck
mäßigkeitsfrage

von Tilman Aumüller, Christopher Krause, Arne Salasse, Ruth Schmidt


Dramaturgische Beratung: Jacob Bussmann

Premiere: Mousonturm Frankfurt, 2015


Weitere Aufführungen:
Batard Festival Beursschouwburg / Brüssel, Performing Arts Festival / HAU Berlin, Mladi Levi Festival / Bunker Ljubljana, Theatre as Critique Gießen - 13. Congress of the Society for Theatre Studies / Gießen, Theaterszene Europa / studiobühne Köln, How To Work in The Future, Europa? / Mozarteum Salzburg

Hinter jedem privaten Projekt, so stellen wir erschrocken fest, verbirgt sich ein viel größeres Projekt, so privat, dass es schon geheim ist - und es folgt einem unbekannten Zweck. Aber wie es sichtbar machen, wie seine Autorinnen dingfest machen, seinen Agenten das Handwerk legen? Zum Höhepunkt der Schuldenkrise entstanden, ist Das Stück mit der Zweckmäßigkeitsfrage ein Theateressay über Zweck oder Zwecklosigkeit von Kunst und Ökonomie, es ist eine Haltungsübung für Künstler* und Publikum, und eine Odyssee, in der die Projektemacher* einen Detektiv erfinden und in eigener Sache ermitteln. Wie Robinson Crusoe stranden sie auf einer verlassenen Insel und fragen sich zuletzt: Wie kommen wir aus diesem Schlamassel eigentlich wieder heraus? Braucht es nicht doch ein Wunder und damit die Kunst?

Trailer

Pressestimmen

Artikel "Voor en voorbij de verbeelding" in "Etcetera #14" (Original in Niederländisch)
„...Es gibt aber auch Werke, die überraschend mit der Vorstellungskraft spielen. Ein solches ist etwa das ungewöhnliche Stück von Tilman Aumüller, Jacob Bussmann, Arne Salasse und Ruth Schmidt (ScriptedReality) mit dem Titel „The Piece Concerning the Question of Purposefulness“.
Das Stück ist der ambitionierter Versuch, den Ökonom Friedrich von Hayek, einen Vordenker des Neoliberalismus, zu bannen. In einer Kulisse aus Pappkarton unternehmen die Macher des Stücks eine kuriose Anstrengung, um ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen und versuchen die Bannung zunächst als eine Art kabbalistisches Ritual. [...] So versuchen sie, einen unnützen Akt zu generieren, der der neoliberalen Logik widerspricht. [...]
Das Ritual aber scheitert; es scheint schwieriger als erwartet, Hayek zu bannen. Aber gerade das Scheitern ist es, das eine seltsame Welt und in ihr die Register der Vorstellungskraft öffnet. Eine Figur – der Detektiv – landet in einem Raum ohne Ausgang (einer Metapher für den Kapitalismus). Durch eine Reihe verwickelter Situationen hindurch versucht er, einen Ausweg zu finden. [...]
Das Stück „The Piece Concerning the Question of Purposefulness“ ist ein merkwürdiges Ereignis, bei dem durch die Wahl von (performativen) Materialien, deren Montage und der Art, sie zu präsentieren, in einem verwickelten Plot an der Vorstellungskraft quasi „entlang-gegangen“ wird. [..]“
Michiel Vanderfelde

Über das Stück

Das Stück mit der Zweckmäßigkeitsfrage dreht sich um die Frage, ob oder wie Kunst oder Theater in einer Welt, in der Politiker*innen immer mehr von „alternativlosen“ Entscheidungen reden, ein Wunder, eine Öffnung erzeugen kann. Muss die Kunst in einer scheinbar unveränderbaren Welt selbst ein politisches Mittel und zweckdienlich auf Veränderung gerichtet sein? - Oder aber ist sie das gerade dann, wenn sie zwecklos eine von der Welt abgewendete Fiktion schafft, einen Raum des Spiels - oder muss sie beides zugleich?
Diesen grundlegenden ästhetischen und politischen Fragen geht Das Stück mit der Zweckmäßigkeitsfrage auf spielerische und groteske Weise nach. Die Handlung ist folgendermaßen zu umreißen: Die Autor*innen des Stückes möchten mit ihrem „Projekt” ein Wunder erzeugen und direkt die “alternativlose” Politik der Austerität beenden, indem sie mit Hilfe des Publikums in einem künstlerischen “neokabbalistischen” Ritual den “Dämon” Friedrich August von Hayeks bannen. Das gelingt auch - zum Teil: Friedrich August von Hayek, einer, wenn nicht der Denker des Neoliberalismus und Gewährsmanns Margaret Thatchers mit ihrem “There is no alternative”, erscheint. Aber anstatt sich bannen zu lassen, erklärt er, dass jedes Versprechen, das Unglaubliche hier und jetzt umzusetzen, genau sein Spezialgebiet sei, das Geschäft der Projektemacher, der Unternehmer, Erfinder und Entrepreneurs. „Jedes private Projekt ist eigentlich mein Projekt“, sagt er, und erklärt das Projekt seiner Bannung damit für gescheitert.
So gescheitert und in der Schuld des Publikums, beschließen die Künstler*innen das Projektemachen sein zu lassen, kein Wunder mehr zu wollen, sondern “nur” eine wunderbare Geschichte zu erzählen. Sie finden plötzlich eine Leiche auf der Bühne und erfinden einen Detektiv, der ermittelt. Aber wieder kommen sie nicht weiter: Auf einer voltenreichen Suche nach der Herkunft der “wunderbar” auf der Bühne erschienenen Leiche, landet der Detektiv auf einer einsamen Insel und findet sich in einem völlig geschlossenen Raum gefangen, den er nicht verlassen kann. In ihm lebt nur ein einsamer reicher Künstler und - ein Wunder - Austern, in die sich die Menschen im Zuge weiterer Austerisierungsprogramme der EU verwandelt haben. Voller Angst auch verwandelt zu werden, stellt sich nun die Frage: Wie kommt der Detektiv und mit ihm die Erzähler, welche die Geschichte im vorderen Bereich der Bühne erzählen, aus diesem geschlossenen, hinteren (Bühnen-)Raum der Fiktion, bzw der geschlossenen Erzählung der Austerität wieder heraus? - Zusammen mit dem erfundenen Detektiv machen sich die Künstler*innen nun auf die Suche nach dem “Riss” in der Fiktion, in sie sich befinden, und danach, wie diese Erzählung doch auf die Wirklichkeit und “das Draußen” rückwirken könnte. Alles im Raum, in dem sich der Detektiv befindet, könnte dieses Wunder, der Riss sein, der die Wirklichkeit doch verändert, bzw. eine Brücke herstellt zwischen Innen und Außen, Vorderbühne und Hinterbühne, zwischen Bühnengeschehen und den Austeritätsprogrammen der EU. Könnte man nicht doch mit der Erzählung und unter Mithilfe des Publikums irgendwie vor aller Augen ein Wunder schaffen, das diese Welt verändert?
Das Stück mit der Zweckmäßigkeitsfrage kombiniert auf ungewöhnliche Weise Elemente des Grotesken und der Farce mit einem politischen Theater. Geistererzählung und Detektivgeschichte, Theorie und märchenhafte Verwandlungen treffen auf aktuelle Politik, was einen verfremdeten und verschobenen und somit neuen Blick auf die aktuellen Verhältnisse ermöglicht.
Insofern versucht dieses Stück selber der Riss in unserer Welt zu sein, mit dem wir diese vielleicht nicht verändern, aber in einem ersten Schritt neu und anders wahrnehmen können. Dabei verbindet das Stück Performancetheater mit Erzählkunst und erprobt - indem das Publikum als Mithelfer* für den Fortgang der Fiktion eingesetzt wird, auf spielerisch neue Weisen der Zuschauer*beteiligung.

Eine Produktion von ScriptedReality in Kooperation mit dem Mousonturm Frankfurt; gefördert von der Hessischen Theaterakademie.